neues_sturmbock-logo.jpgDie geschichtliche Überlieferung des Reutlinger Sturmbocks

Vor der Erfindung des Schießpulvers wurden zum Durchbrechen der Stadt­tore und Mauern Sturmböcke verwendet.

Diese bestanden im wesentlichen in einem langen schweren Balken aus hartem Holz, der am Vorderende mit Eisen beschlagen und so aufgehängt war, dass er du rch Schwingen in Bewegung gesetzt wurde. Bei einer Belagerung versuchte
seine Bedienungsmannschaft durch Rammstöße die Stadttore einzudrücken oder die Mauern und Türme zum Einsturz zu bringen.

Ein solcher Sturmbock, der von der glücklich abgewehrten Belagerung Reutlingens durch die Anhänger des Gegenkönigs Heinrich Raspe von Thüringen im Jahr 1247 stammen kann, wurde einst vor den Toren der Stadt gefunden und in die
Marienkirche verbracht. Auf das Geheiß Kaiser Maximilians I. ist das Kriegsgerät wieder aus der Kirche entfernt worden.

Nach der Fertigstellung des Renaissance-Rathauses im November 1563 ist der Sturmbock an dessen südlicher Längsseite
aufgehängt worden, ,,damit er in der Nachkom­menden Gedächtnuß nicht verfiele". Im großen Stadtbrand von 1726, dem vier
Fünftel der Stadt zum Opfer gefallen sind, ist auch das Renaissance-Rathaus samt dem Sturmbock verbrannt.

Wir wollten auch in dem im April 1966 eingeweihten Rathaus wieder an diese Episode aus der Stadtgeschichte erinnern.
Unser Bürger Prof. Hap. Grieshaber hat in einen 12 m langen Stamm, der in der Wandelhalle des Ratsgebäudes aufgehängt ist,
Bilder aus der Stadtgeschichte geschnitten. Die Voraussetzungen hiefür sind durch zwei hochherzige Spenden geschaffen
worden: Die Firma Karl Danzer GmbH, Furnierwerke, hat diesen Stamm aus afrikanischem Abachi-Holz gestiftet.
Die Zubereitung und Aufhängung hat die Firma Gustav Eisele Holzbau (Inh. Fritz Bihler damals Stadtrat), übernommen.

Die 13 Motive wurden zu je zehn Exemplaren im Format 80 x 110 cm gedruckt. Auch die vollständige Bildfolge wurde einmal
per Hand auf eine lange Papierbahn mit Löffel und Falzbein durchgerieben. 1989 erschien zur Eröffnung des Kunstmuseums Spendhaus ein fotomechanischer Nachdruck mit acht Darstellungen. Margot Fürst sieht in ihrem 1966 erschienen Büchlein über den Sturmbock „in der Marienkirche von 1935 und dem Sturmbock von 1965 eine Entsprechung zum Verhältnis Gotik zur
Renaissance: „Humanismus, Bürgerstolz, Reformation, Demokratie und gedenket der Opfer“. Menschliches Maß, bleibende Werte.“

Reutlinger Sturmbock – ein Schattenspiel

Die Idee, den mächtigen, zwölf Meter langen Sturmbock aus dem Reutlinger Rathausfoyer lebendig werden zu lassen verfolgte ich schon seit mehreren Jahren. Jetzt, zum 25. Todestag von HAP Grieshaber und dem 40. Geburtstag des Reutlinger Rathauses habe ich die dreizehn Motive in Schattenbilder umgesetzt. 2 x 3 m ist der Schattenschirm groß, auf dem sich die Bilder aus den einzelnen Segmenten zur Musik zusammen fügen. Der Holzschneider von der Achalm hat die Reutlinger Stadtgeschichte als Relief zwei Zentimeter tief in den Stamm geschnitten und der Stadt 1966 für das neue Rathaus gestiftet.
Von mir wurden die einzelnen Bilder auf Folien übertragen und als Schattentheaterstück bearbeitet.

Der in Reutlingen und Los Angeles lebende Jazzgitarrist und Komponist Jan Henning hat die Musik geschrieben und begleitet die gut einstündige Performance live. Für mich ist es die zweite Bearbeitung einer bildnerischen Vorlage eines namhaften Künstlers.
Bereits vor zehn Jahren habe ich Wassily Kandinsky’s „Bilder einer Ausstellung“ zum Klavierzyklus von Modest Mussorgsky aus dem Jahre 1928 für die Guckkastenbühne neu bearbeitet und seit dem über dreißig Mal mit meinem Objekt-Theater BilderBühne aufgeführt. Des Weiteren habe ich die 4 Jahreszeiten als gestrickte und animierte Impressionen zur Vivaldi Komposition im Repertoire.

Wolfgang Rätz

 
JoomlaTheme.net