Home Kunst SeemannsGARN

Die Ausstellung fand vom 26.1. - 27.4.2007 im Betriebsrestaurant des Sozialgebäudes der Stadtwerke Reutlingen statt

 

 

Seemannsgarn - An Bord der Segelschiffe mussten die Matrosen, wenn sie Zeit hatten oder Flaute herrschte, Seemannsgarn spinnen, aus altem Tauwerk dünnes Kabelgarn zum Bekleiden der Trossen und Taue drehen. Dabei wurden Döntjes (plattdeutsche Anekdoten) und Geschichten erzählt, langatmig, häufig geflunkert und in der Regel ohne großen Tiefgang. Wenn so ein Seemann an Land in dieser Weise seine meist nicht der Wahrheit entsprechenden, aber eindrucksvollen Erlebnisse mit Klabautermännern, Piraten, Meerungeheuern und Kannibalen zum Besten gab und die Landratten mit großen Augen an seinen Lippen hingen, war er dabei, im übertragenen Sinne Seemannsgarn zu spinnen.

Dieser Vorgang wurde von mir aufgegriffen und bildnerisch weitergeführt. Der gesponnene Faden, so zu sagen zu Methaphern verstrickt. Ergänzt durch eine gehörige Portion Jägerlatein denn schon Otto von Bismarck wusste: „Nirgends wird soviel gelogen wie vor der Wahl (Ferenc Gyurcsány, ungarischer Ministerpräsident, 2006), während des Krieges (George Bush, Irak Krieg 2003-06) und nach der Jagd“ (E.T.A. Hoffmann, 25.10.1812)

Das Material: Gesammelte Strickteile, die über Jahre hinweg in meinem Atelier entstanden sind und aufbewahrt wurden. Als Probegestricke gefertigt, misslungene Pulloverteile, verworfene Ideen, auch fertige, teilweise bereits getragene Kleidungsstücke die zerlegt wurden und die allesamt Geschichten erlebt haben und jetzt für den Betrachter ihre Geheimnisse lüften.


Die Bilder:


Der abgezogene Jaeger.jpgDer gebuegelte Eisbaer.jpgDer rote Jochen.jpgEgalisierungsbesteck.jpgEinbeinige Windhose.jpgFritzens Wille.jpgGraubraune Feldhasen.jpgHeranzuwem und Wegzumir.jpgHerr Hermann und Frau B..jpgHuegellandschaft bei Nuerburg.jpgMettwurstsalat.jpgParis soleil.jpgPeter von Zahn.jpgPilimperglas.jpgRelluem Herme.jpgSylvaner vom Schlossberg.jpgVagabondage.jpgWeissschnecke.jpgWestseetraeume.jpgWindrose.jpgZorro oder Zoern.jpg

 

 

Die Geschichte von Ulf, Meer, Mett und Mittelgebirge

Meer

Es war im März 1970 als Er, nennen wir ihn Ulf. Mit richtigem Namen hieß er Arnulf hatte gerade wegen Fehler am Skelett seinen Dienst bei der Bundeswehr vorzeitig beendet - im Hebst zuvor war er bei voller Fahrt von seiner Kreidler Florett gefallen, weil der Gaszug kaputt war und hatte sich dabei das linke Bein gebrochen.

Bedingt durch die bis dato gemachten Erfahrungen als Schüler, Lehrling, Geselle, Funker und Gefreiter, stand für ihn fest das alles anders werden müsse.

Er machte sich also auf in das „Land zwischen den Meeren“, Schleswig-Holstein. Neumünster und die dort ansässige Textilfachschule waren sein Ziel und er hatte den festen Vorsatz an dieser Schule Textiltechniker der Fachrichtung Wirkerei und Strickerei zu werden und dann sein bisheriges Leben als Maschineneinrichter in der Fabrik hinter sich zu lassen.

Damals gab es in dem kleinen Burgdorf Kerpen in dem er geboren und aufgewachsen war noch einen Bahnhof und er machte sich über Adenau, Altenahr, Remagen und Köln auf den langen Weg gen Norden.

Ob es von Bedeutung war, dass er beim Umsteigen in Köln auf dem Hauptbahnhof seine Eifeler Jugendliebe aus dem benachbarten Niederehe traf und sie ihm versprach ihn einmal zu besuchen, weil ihr Vater bei der Bahn arbeitete und sie deswegen Freifahrkarten bekam von deren Nutzung dieser aber wiederum nichts wissen durfte, ist an dieser Stelle der Geschichte noch nicht abzusehen.

Angekommen im nördlichsten Bundesland stellte er erst einmal fest, dass dort alles ziemlich flach war.

Stadt, Schule, Umfeld und Stundenplan inspiziert, wurde ihm schnell klar, dass der Erfolg ziemlich viel Willen, Energie und Disziplin voraussetzen würden. Und er ließ sich in keiner Weise von der neu gestellten Herausforderung abschrecken.

Das kennen lernen des Landes war dadurch gut organisiert, da seine unmittelbaren Mitstudierenden und Mitbewohner, Günter aus Klanxbüll, Jens-Uwe aus Heikendorf und Karin aus Wedel, ihm zeigten wo und wie sich ihr Leben bisher abgespielt hatte.

Er lernte die Kielerförde und St. Peter-Ording kennen, war in Grömitz und Bad Segeberg fuhr mit dem Butterschiff nach Helgoland, badete in Westerland spazierte an der Elbe. Trank Teepunsch, Holsten-Pils und geele Köm. Aß grünen Aal mit Stumpfkartoffeln, Labskaus und Heringssalat in dicker Mayonaise.

Aber er lernte auch noch viele andere Menschen und deren Sitten und Gebräuche kennen, den Inder Jo und

den Portugiesen Joao, oder Burkhard aus Berlin. Ein Ägypter war sein Nebensitzer, Perser wollten mit ihm lernen, Iraker trafen sich in politischen Zirkeln, Ole der Däne war in einer Studentenverbindung. Sonntag nachmittags ging er zum Jazz in das Lokal „Stadt Rendsburg“, wo sich ab 17 Uhr die Hamburger Jazzszene ein Stelldichein gaben. Abi Hübner, die Hot Jazz Lipps, Papa Bue und die Old Merrytale sind seither feste Begriffe für ihn.

Die sonntäglichen Spätnachmittage mit Jazz wurden eine Zeit lang durch den amourösen Ausklang mit Ute beendet. Sie holte ihn an der Theke ab und chauffierte mit ihrem rechts gesteuerten Morris unvermittelt in seine Studentenbude. Und erotisiert und zufrieden begann die neue Woche.

In jenem Jahr fanden zwischen Nord- und Ostsee Landtagswahlen statt. Gerhard Stoltenberg, CDU war Ministerpräsident und kein Mensch gab dem Herausforderer Jochen Steffen von der SPD eine wirkliche Chance. Ulf ging zu den Wahlveranstaltungen um Stoltenberg zu stören oder um für den „roten Jochen“ zu schreien, sah Willi Brandt in der Holstenhalle und Wolfgang Leonhard im Nebenzimmer einer Gaststätte, unterschrieb die Beitrittserklärung der SPD und blieb ihr trotz Nato Doppelbeschluss, Gerhard

Schröder und Peter Hartz bis heute treu.

Ja, und trotz Canabisattaken, den monatlichen Besuchen auf der Reeperbahn, einem Rolling Stones Konzert, Otto Walkes in einem Kleinkunst-Keller in Harburg und sagenhaftem Heimweh nach Hügeln und Bergen, schaffte er einen akzeptablen Abschluss. Und sein Weg führte ihn weiter zu Mett und Mittelgebirge.

Mett

Zunächst erscheint es nötig zu erklären was gemeint ist. Gemeint ist nicht Tatar, oder Beefsteakhack welches maximal 6% Fettanteil haben darf und zur Gattung des Schabefleisches gehört. Und Schabefleisch hat wiederum nichts mit der „Küchenschabe“, zu tun, die gemeinhin als Kakerlake bezeichnet wird.

Auch ist nicht gemeint Rinderhack oder gemischtes Hackfleisch, wir reden hier von Schweinehack oder Schweinemett, es entsteht aus grob entfettetem, zerkleinertem Schweinefleisch mit einem erlaubten Fettanteil von schlappen 35 %. Also nichts für Hungerhaken und Abspecker.

Das vom Metzger bereits gewürzte und abgeschmeckte Hackfleisch wird Mett genannt und wird roh verzehrt. Für Joao aus Portugal, damals ein unvorstellbarer Gedanke, die Deutschen essen rohes Fleisch, wie die Kannibalen.

Das Mettbrötchen ist dabei möglicher-weise die Krone, oder zumindest die Speerspitze der Darreichungsform. 400g Mett mit Salz und Pfeffer gewürzt verteilt auf 8 Brötchenhälften, garniert mit viel Zwiebelringen oder einer fingerdicken Schicht gewürfelter Zwiebeln. Zu Ulf’s Zeiten in den Niederungen des Nachtlebens in St. Pauli, Köln oder auch deutlich kleineren Städten waren diese Energiehappen oft die Garantie fürs Überleben.

Bei Sonntagsausflügen mit dem Vater im Goggomobil oder später mit der Renault Dauphine, war das Einkehren und „Gehacktes essen“ das größte aller Dinge.

In Norddeutschland versteht man unter Mettwurst eine schnittfeste etwas härtere Dauerwurst aus reinem Schweinefleisch – vergleichbar mit dem hiesigen Landjäger oder der Salami. Man isst sie meist als Brotbelag oder verwendet sie für herzhafte Aufläufe oder in Würfel geschnitten mit Bratkartoffeln.

Anderswo ist es eine feine Streichwurst. Im Kühlregal der Discounter begegnet sie uns im durchsichtigen Plastikdarm als Zwiebelmettwurst.

Paarweise geräucherte Mettwürstchen werden, zumindest im Westfälischen als Mettenden bezeichnet und finden bei deftigen Wintergemüsegerichten und Suppen gerne als Einlage Verwendung.

Diese groben Brühwürste waren für Ulf als Kind ein Graus. Er verbrachte seine Ferien oft bei den Tanten in Bochum und dort wurde deftig gegessen. Bei der deutlich älteren Cousine Helga, die mit ihrer Familie in einer Art Holzhaus am Stadtrand wohnte gab es besagte Mettwurst zu essen. Da er sich nicht traute das Essen abzulehnen, aß er alles brav auf und deponierte die Mettwurst rechts und links in seinen Backen und spuckte sie danach heimlich aus. Jahre später schloss er Frieden mit den Mettenden und er aß sie sogar mit großem Appetit zu Grünkohl.

Das Wunderbarste was ich bei der Recherche zu diesem Stichwort gefunden habe ist der Mettwurstsalat. Dem Rezept wird folgender Hinweis vorangestellt:

Vorteil: Der etwas andere Salat,

Nachteil: Suchtgefahr

Zutaten:

400 g Mettwurst
2 Gewürzgurken
100 g Tomaten
1 Zwiebel
50 g Perlzwiebeln (die aus dem Glas)
1 grüne Paprika
ca. 4 Blätter Lollo Bianca

für die Marinade:
1 TL Sahnemeerrettich
3 EL Öl
1 cl Weinbrand
Salz, Pfeffer, 1 Prise Zucker
1 Bund gemischt Kräuter

Zubereitung:

Mettwurst, Gewürzgurken und Tomaten in Scheiben schneiden. Zwiebel abziehen und in Ringe schneiden. Perlzwiebeln abtropfen lassen, Paprika entkernen und würfeln. Eine Schüssel mit dem Lollo Bianco auslegen. Die Salatzutaten darauf anrichten. Aus den Soßenzutaten eine Marinade herstellen und abschmecken. Mit den gehackten Kräuter bestreuen und dann guten Hunger! Wirklich köstlich.

Kein Wunder, ist ja auch Cognac drin. Ich hatte noch keine Zeit es auszuprobieren werde es aber demnächst tun. Wem das Wasser schon im Mund zusammengelaufen ist, kann das Rezept gerne haben.

Mittelgebirge

Ulf, ist in einer kalten Dezembernacht in eins der kargsten Mittelgebirge Deutschlands - die Eifel, geboren worden. Ein Mittelgebirgler zu sein, war in Deutschland eigentlich nie etwas besonderes, besteht unser Land doch außer der Norddeutschen Tiefebene und den Alpen nur aus einer mehr oder weniger hügeligen Mittelgebirgsland-schaft.

Wurde Ulf gefragt wo er denn her käme und er antwortete er sei Rheinländer genauer gesagt Eifeler, hatte er oft das Gefühl ein gewisses Maß an Mitleid vom Frager zu erfahren. Der Nürburg-ring das Pils aus Bitburg und das Wasser aus Gerolstein halfen meist die geografische Unkenntnis zumindest mit bekannten Begriffen zu überdecken, weil sie doch weit über die Eifelgrenzen hinaus einen gewissen Bekanntheits-grad erlangt hatten. Trotz der Tat-sache, das der Nürburgring seit 1927 internationale Motorsportgeschichte schreibt, galt und gilt das Carre zwischen Aachen, Trier, Koblenz und Köln auch heute noch für viele als weitgehend weißer Fleck auf der Landkarte.

Dieses Manko teilt die Eifel aber fast uneingeschränkt mit all den anderen Mittelgebirgsregionen. Wer kann schon exakt beschreiben wo der Hunsrück, der Taunus und der Westerwald sind. Ebenso sind Bergisches Land, Sauerland, Rothaargebirge, Weser-bergland, Rhön und Harz fast jedem geläufig, wo sie sich aber genau befinden, wissen die wenigsten. Wer weiß schon genau wie Oberpfälzer Wald, Fichtelgebirge, Frankenwald und Thüringer Wald zusammen hängen. Wo sind Odenwald, Spessart, Pfälzer Wald, Bayrischer Wald und Fränkische Schweiz? Allein der Schwarzwald genießt einen Bekanntheitsgrad der ihn ohne zögern in den deutschen Südwesten verortet. Das haben die gleichnamige Torte, - egal ob sie nun in Bad Godesberg oder Tübingen erfunden wurde-, der Schinken, die Kuckucksuhr und nicht zuletzt der Bollenhut geschafft.

Und dann haben wir da noch die Alb, die schwäbische Alb. Als es Ulf aus dem flachen Holstein, - wo es bei Malente aber auch eine Schweiz gibt -, zu den Schwaben verschlug nahm er auf Grund seiner gemachten Erfahrungen, schmunzelnd und ohne große Verwunderung zur Kenntnis, dass niemand von der Alb sein wollte. Neuffen seine erste Station, lag im Täle am Albtrauf aber niemals auf der Alb. Reutlingen nannte sich Tor zur Alb. Nie auf der Alb.

Wer von der Alb „raa“ kam war ein Hinterwäldler, konnte nicht Auto fahren und hatte eine ungeschliffene Sprache. Die hämische Frage an die Älbler im Oktober oder Mai: „ob’s obe scho, oder noo Schnee hätt“ war dabei noch harmlos. Was Ulf im Donautal bei Tuttlingen hörte, hatte da schon eine andere Qualität. Man unterstellte das die Mädchen auf dem Heuberg durchweg von ihren Vätern entjungfert würden fügte aber gleich hinzu, Inzest hätte es dort aber noch nie gegeben. Oft stellte sich heraus, dass viele der vermeintlichen Städter, die so redeten sehr im ländlichen Milieu verwurzelt waren und sich wohl auf diese Weise vor ihrer Herkunft schützen wollten. Egal, mag einer sagen was er will, fest steht, ohne die Mittelgebirgler wäre Deutschland gar nicht da. Die paar Fischköppe und Gämsen würden den Betrieb nicht in Gang behalten können. Darum sagt Ulf, der eigentlich ja Arnulf heißt und als Emigrant „unter fremden Sternen“ leben muss. Dem manchmal etwas begriffstuzigen und dickköpfigen Mittelgebirgler kann man alles nehmen. Zwei Dinge bleiben ihm aber immer: Seine Herkunft und sein Akzent.

Wolfgang Rätz 2007

 

 
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