Gefährliche Märzsonne (13)

 

Wenn Schnee in die ersten Märztage hinein bricht

die Kälte vom Sturm herein gejagt wird

dann packen wir gerne wieder unsere Handschuhe aus

sie sind ja auch noch tief in den Jackentaschen

Ganz unten, bei den Krümeln,

und den Kassenzetteln die zu Kügelchen geworden sind.

 

Die Dächer freuen sich über die weiße Abkühlung

Sie vertilgen die feinen, leichten Flöckchen

und machen stinknormales Wasser draus

keine Chance mehr für den Winter

Warum auch? Wäre er rechtzeitig gekommen!

 

Blüten und Knospen? Die halten das aus!

Die können nur verbrennen.

Die Sonne ist viel gefährlicher als das bisschen Frost.

Und sie tut dir so gut wenn du sie fühlst und

trotzdem die Jalousie runter ziehst.

 

WR 3.3.08

 

 

Ursulabergtunnel (14)

 

Erst gestern war es, denkst du daran?

Der Tag ging ruhig zur Neige

 

Der Tunnel kam, und es begann

Dem Lärm trotzten die Zweige

 

Die Straße bließ die Stille weg

Die Ruhe, die wir lieben

 

Und nirgendwo ein winz’ger Fleck

Wo sie noch wär’ geblieben

 

Und jetzt? Vom Tal klingt’s laut hinauf

Ist wirklich keine Wonne

 

Man setzt sich nicht mehr gerne raus

Genießt die Abend-Sonne

 

Wohin du hörst, man sagt: Ich weiß

Es sind auch unsere Gelder

 

Der Autolärm rauscht auch bei Eis

Ums Haus und über Felder

 

 

Ein winterliches Gedicht

Erst gestern war es, denkst du daran?
Es ging der Tag zur Neige.

Ein böser Schneesturm da begann
und brach die dürren Zweige.

Der Sturmwind blies die Sterne weg,
die Lichter, die wir lieben.

Vom Monde gar war nur ein Fleck,
ein gelber Schein geblieben.

Und jetzt? So schau doch nur hinaus:
Die Welt ertrinkt in Wonne.

Ein weißer Teppich liegt jetzt aus.
Es strahlt und lacht die Sonne.

Wohin du siehst: Ganz puderweiß
geschmückt sind alle Felder.

der Bach rauscht lustig unterm Eis.
Nur finster stehn die Wälder.

 

Alexander Puschkin (1799-1837)

 

Das Puschkin-Gedicht steht auf dem Umschlag der Speisekarte des letzte Woche neu eröffneten Waldcafés

am Ursulaberg in Pfullingen, in dem wir gestern Abend essen waren.

 

WR 10.3.2008

 

 

SEHEN (15)

 

Blaues Land an blauen Bergen.

Spitzes, dünnes Luftgewirr verschleiert die Freundlichkeit.

An allen Ecken dunkeln die Gestalten.

Dickbreiig, schwer schiebt sich die Ewigkeit voran. 

Scheinbar Schein sein.

Breit ausgebreitet.

Breiter, gezogen und gepresst.

Und ein rotes Gesicht, verdeckt.

Und vielleicht ist das Rot die Sonne, blauviolett.

Weißer Kondensstreifen unter weißem Kondensstreifen.

Und nach diesem Kondensstreifen wieder ein weißer Kondensstreifen.

Und in diesen weißen Kondensstreifen ein weißer Kondensstreifen. In jedem weißen Kondensstreifen ein weißer Kondensstreifen.

Das ist eben doch gut: Schleier lüften.

Dahinter fängt alles an............................................................................................

.........................Es ist trübe und doch klar..............................................................

 

  

SEHEN (Wassily Kandinsky) konkrete Lyrik

 

Blaues, Blaues hob sich und fiel.

Spitzes, Dünnes pfiff und drängte sich ein, stach aber nicht durch

An allen Ecken hat’s gedröhnt

Dickbraunes blieb hängen scheinbar auf alle Ewigkeiten.

Scheinbar, Scheinbar.

Breiter sollst Du deine Arme ausbreiten.

Breiter, Breiter.

Und dein Gesicht sollst du mit rotem Tuch bedecken.

Und vielleicht ist es noch gar nicht verschoben: bloß du hast dich verschoben.

Weißer Sprung nach weißem Sprung.

Und nach diesem weißen Sprung wieder ein weißer Sprung.

Und in diesem weißen Sprung ein weißer Sprung. In jedem weißen Sprung ein weißer Sprung.

Das ist eben nicht gut, das du das Trübe nicht siehst: im Trüben sitzt es ja gerade.

Daher fängt auch alles an.......................................................................................

..................Es hat gekracht.....................................................................................

 

 

W. Kandinsky, veröffentlicht 1913 in Gedichtsband „Klänge“

 

Weitere:

„Anders“, Beschreibung der Zahl 3

„Offen“, Gras, Kot, lange Rohre

 

 

 

WR 17.3.2008

 

 

Vierzeiler mit Menschen (16)

 

Clemens Wittel

Ist ganz ohne Titel

Weil jeder ihn kennt

Vom Club Präsident

 

Dem kleinen Kurt Lange

Dem wird es nicht bange

Souverän und mit Klasse

Führt er seine Kasse

 

Hans-Peter, der Schuster

Ist Raucher, kein Huster

Das Schaf und Gedichte

Sind seine Geschichte

 

Und dann Karin Scheu

Dem Club lange treu

Ist auch manch einmal

Der Club-General

 

Brigitte Fisch-bach

Sagt, wenn ich auch lach

So ein Protokoll

Find ich gar nicht toll

 

Benno Grabowski

Den sieht man mit Schal nie

Gibt es Rep’raturen

Kommt er erst auf Touren

 

Hans Messerschmitt

immer im Tritt

macht Dienst ruhig und still

so wie er es will

 

Herr Wolfgang Klucken

Muss sich nicht ducken

Wirkt hinter der Bar

Grad so wie ein Zar

 

Horst-Dieter Gerold

Sind alle im Club hold

Es ist widerwertig

Das Gedicht wird nicht fertig

 

WR 24.3.2008

 

 

MESZ  (17)

 

Am letzten Sonntag, noch im März

Ich sage dir, das ist kein Scherz

Bei uns und fast dem Rest der Welt

Wird an den Uhren rumgestellt

 

Stellt man sie vor, oder zurück?

Die Zeitung schreibt es, welch ein Glück

Doch dann, an jeder Uhr im Haus

Sieht die Bedienung anders aus

 

Menüs jedweder Leistungsstufen

Werden jetzt mühsam aufgerufen

Es wird so lange rumgedrückt

Bis alles blinkt und tut, verrückt.

 

So wie ein ausgemachter Hampel

Sitzt du im Auto an der Ampel

Die Kupplung treten, Tank ablesen

So ähnlich war es doch gewesen

 

Die Uhr, als ob sie es genießt

Nicht eine Ziffer weiterfließt

Beim nächsten Stop wirst du ihr zeigen

Das kann sie so mit dir nicht treiben

 

An den darauffolgenden Tagen

Setzt du dich wieder in den Wagen

Kaum ist das Auto losgerollt

Wird diese Szene wiederholt

 

Beim Räderwechsel kommt die Wende

Der vierte Monat fast zu Ende

Jetzt schaust du nach im Büchelein

Wie stelle ich die Uhr neu ein

 

Ende Oktober, dann im Herbst

Dann wird die Sache wieder ernst

Die Uhr, welch unverschämtes Glück

Gehört ein Stündchen jetzt zurück

 

 

WR 31.3.08

 

 
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